Kurze Wiederholung: Geradlinige Bewegungen in der Raumzeit
Wir hatten uns im Kapitel über die Poincaré-Gruppe
bereits einmal mit der Geschwindigkeit befasst.
Fassen wir die dortige Argumentation noch einmal zusammen:
Eine geradlinig gleichförmige Bewegung kann im vierdimensionalen
Minkowskiraum durch eine Gerade der Form
dargestellt werden.
Dabei sind ,
und
vierdimensionale Vektoren (Vierervektoren) und ist der
reelle Kurvenparameter.
Die Geschwindigkeit dieser Bewegung kann man ermitteln,
indem man zwei Parameterwerte und
betrachtet, die zwei verschiedenen
Punkten auf der Geraden entsprechen.
Die Geschwindigkeit ist nun gegeben durch den Bruch aus dem räumlichen Abstand
dividiert durch den zeitlichen Abstand zwischen diesen beiden Raum-Zeit-Punkten.
Als Ergebnis erhält man
Die Geschwindigkeit ist also gegeben durch den Bruch aus dem
räumlichen Anteil von (also dem dreidimensionalen Vektor ),
dividiert durch den zeitlichen Anteil von (also der nullten Komponente ),
multipliziert mit der Lichtgeschwindigkeit .
Die Poincarétransformation
macht aus der Geraden die Gerade
Die neue Geschwindigkeit ist also gegeben durch den Bruch aus dem
räumlichen Anteil von , dividiert durch den zeitlichen Anteil von ,
multipliziert mit .
mit .
Wie verändern sich Geschwindigkeiten beim Boost?
Wir wollen uns nun die Frage stellen: Wie verhält sich die Geschwindigkeit
bei einem Boost?
Im Grunde wird die Antwort durch die obige Formel bereits gegeben.
Wir müssen diese Gleichung nur noch in eine besser interpretierbare Form
bringen. Dazu wählen wir zunächst eine spezielle Parametrisierung für die
Gerade , so dass
ist. Der Parameter ist dann (bis auf eine additive Konstante) gleich der Zeit .
Berechnen wir nun die Wirkung einer Boostmatrix auf (der Index bei
der Boostmatrix steht für Boost und hat nichts mit dem Vektor zu tun):
Dabei ist (mit ))
die Boostgeschwindigkeit in Richtung des Einheitsvektors und
ist der Lorentzfaktor.
Die Boostgeschwindigkeit gibt die Geschwindigkeit (dividiert durch die Lichtgeschwindigkeit)
an, die ein zuvor ruhender Körper nach dem Boost aufweist.
Allgemein erhalten wir damit für die Geschwindigkeit eines Körpers, der sich vor dem Boost
mit der Geschwindigkeit bewegt,
mit der Formel nach dem Boost die Geschwindigkeit:
Das ist eine relativ komplizierte Formel! Sie ist ganz anders als die entsprechende
Formel für Galileiboosts, bei der sich Geschwindigkeit und Boostgeschwindigkeit
einfach vektoriell zu der neuen Geschwindigkeit addiert haben.
Anders als in der nichtrelativistischen Theorie besitzt die Geschwindigkeit in der
relativistischen Theorie ein kompliziertes Transformationsverhalten.
Um mit der Formel etwas vertrauter zu werden, wollen wir einige Spezialfälle betrachten.
Fall 1: Boost eines ruhenden Teilchens
Setzen wir in die obige Formel ein. Dann ist
Das haben wir auch nicht anders erwartet, denn genau diese Bedeutung sollte
die Boostgeschwindigkeit ja haben.
Fall 2: Boost in Flugrichtung
Für einen Boost in Flugrichtung sind , und
parallel, d.h.
und
.
Für die Geschwindigkeit nach dem Boost
ergibt sich damit
Wenn das Teilchen vor dem Boost in Ruhe ist (also ), so ist nach dem Boost wieder
.
Das andere Extrem ist, dass sich das Teilchen vor dem Boost bereits mit Lichtgeschwindigkeit
bewegt, also . In diesem Fall ist
Auch das haben wir nicht anders erwartet: ein Boost ändert die Geschwindigkeit eines
Teilchens, das sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, nicht. Ein solches Teilchen kann
nicht schneller gemacht werden!
Fall 3: Boost senkrecht zur Flugrichtung
In diesem Fall ist und
,
so dass wir für die
Geschwindigkeit nach dem Boost die folgende Beziehung haben:
mit
.
Bei zunehmender Boostgeschwindigkeit wächst also
die Geschwindigkeitskomponente in Boostrichtung linear mit an,
so wie wir das auch erwarten würden.
Die Geschwindigkeitskomponente in der ursprünglichen
Flugrichtung wird allerdings kleiner, da anwächst!
Das gibt es so in der nichtrelativistischen Physik nicht. Aber nur so
ist gesichert, dass die Geschwindigkeit nie die Lichtgeschwindigkeit
überschreitet.
Diese Grafik zeigt den Endpunkt der Geschwindigkeit
nach dem dazu senkrechten Boost
für die beiden Fälle und
vor dem Boost. Dabei wird
der Betrag der Boostgeschwindigkeit von 0 bis 0,95 in Schritten
von 0,05 erhöht. Die Geschwindigkeit zeigt vor dem Boost in y-Richtung.
Geboostet wird in x-Richtung.
Man sieht, dass für der Geschwindigkeitsvektor beim Boost lediglich
zur Boostrichtung hin gedreht wird.
Vierergeschwindigkeit und Eigenzeit
Da die Geschwindigkeit in der Relativitätstheorie ein recht kompliziertes
Transformationsverhalten hat, ist es für die Formulierung physikalischer Gesetze
häufig sinnvoll, nicht direkt die Geschwindigkeit zu verwenden, sondern eine
andere Größe, die eindeutig von der Geschwindigkeit abhängt, die aber ein
einfacheres Transformationsverhalten aufweist.
Betrachten wir dazu den Vierervektor , den wir oben
bereits zur Formulierung einer geradlinig-gleichförmigen Bewegung verwendet haben.
Eine solche Bewegung hatten wir durch die Gerade
dargestellt.
Wir hatten von dem Parameter dabei gefordert, dass er sich bei Poincarétransformationen
nicht ändert. Die Poincarétransformation
bildet dann diese
Gerade auf die neue Gerade
ab.
Aus dem Vektor wird also einfach der neue Vektor , d.h.
das Transformationsverhalten von ist sehr einfach.
Genau deshalb nenn man ihn auch einen Vierervektor.
Andererseits hängt der Vektor mit der Geschwindigkeit zusammen über
die Formel
. Der Vektor wird durch die
Geschwindigkeit dabei nicht eindeutig festgelegt, denn man kann
mit einer reellen Zahl multiplizieren, ohne dass sich dabei ändert.
Wie kann man nun die Beziehung zwischen und eindeutig machen?
Man müsste eine Normierung für festlegen, die ausschließt,
dass man mit einer reellen Zahl multiplizieren darf.
Weiterhin wollen wir, dass diese Normierungsbedingung nicht nur
für , sondern auch für gilt, so dass die Poincarétransformation
die Normierung nicht ändert.
Mit unserem bisherigen Wissen fällt es uns nicht schwer, eine solche Normierungsbedingung
zu finden. Wir fordern einfach, dass die uns bereits gut bekannte Raumeit-Metrik
einen festen Wert haben soll, also
Wir wissen, dass invariant unter Poincarétransformationen ist, d.h.
Damit haben wir sichergestellt, dass man
nicht mehr einfach mit einer reellen Zahl (nennen wir sie )
multiplizieren darf, denn das würde die Metrik ändern:
Allerdings ist dieses Argument für nicht richtig,
denn dann könnte man immer noch mit einer Zahl multiplizieren. Dieser Fall
mit lichtartigem benötigt also wie immer eine separate Betrachtung.
Wir wollen nun festlegen, wie wir normieren wollen, also welchen konstanten
Wert haben soll.
Dabei müssen wir allerdings etwas aufpassen, denn nicht jeder Wert
von ist erlaubt.
Überlegen wir also, welchen Einschränkungen unterworfen ist:
Damit die Zeit bei wachsendem ebenfalls anwächst, wollen
wir zunächst fordern. Das ist einfach nur eine spezielle
Wahl für die Parametrisierung, also nichts besonderes.
Weiterhin darf die Bewegung maximal mit Lichtgeschwindigkeit erfolgen.
Es war
so dass diese Forderung
als
geschrieben werden kann. Es muss also
sein, oder anders geschrieben
Das Gleichheitszeichen gilt bei .
Fassen wir zusammen:
Für Teilchen, die auch zur Ruhe gebracht werden können und sich demnach
immer langsamer als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, gilt .
Für Teilchen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, gilt .
Es ist interessant, dass man rein formal auch den Fall
betrachten kann. Dies entspräche Teilchen, die sich immer mit mehr als
Lichtgeschwindigkeit bewegen. Diese Teilchen werden durch die bisherige
Argumentation nicht ausgeschlossen. Erst, wenn man das Prinzip von Ursache
und Wirkung (das sogenannte Kausalitätsprinzip) mit hinzunimmt,
muss man die Existenz solcher Teilchen ausschließen.
Wir wollen das hier an dieser Stelle nicht weiter vertiefen.
Den interssierten Leser möchte ich auf das Buch von Sexl und Urbandtke verweisen
(siehe Anhang).
Für den Rest dieses Kapitels wollen wir uns auf den Fall
und somit beschränken.
Das sind die Teilchen, die auch unbewegt existieren können (anders als Licht).
Wir können uns nun eine geeignete Normierung für aussuchen.
Es bietet sich an, für die Normierung
zu wählen, denn dann hat
die Dimension einer Geschwindigkeit.
Es ist weiterhin üblich, statt die Bezeichnung zu verwenden, wenn
die obige Normierung vorliegt. Übrigens ist dieser Vierervektor nicht zu verwechseln
mit der Boostgeschwindigkeit
(langsam gehen einem die verschiedenen Symbole für Geschwindigkeiten aus).
Der Vierervektor mit
und wird auch als Vierergeschwindigkeit
bezeichnet.
Vorsicht bei dieser Bezeichnung:
Die räumliche Geschwindigkeit ergibt sich aus der Vierergeschwindigkeit (also dem normierten ) wie gehabt erst über die Formel
( ist wie gesagt hier nicht oder nicht unbedingt die Boostgeschwindigkeit).
Den zu zugehörigen Geradenparameter wollen wir ebenfalls umbenennen
und ihn mit dem Buchstaben bezeichnen.
Man nennt auch die Eigenzeit (warum sehen wir gleich).
Die Eigenzeit wird bei Lorentztransformationen
nicht verändert (dies hatten wir ja für den Parameter bereits so vorausgesetzt).
Fassen wir zusammen:
Man kann eine geradlinig-gleichförmige Bewegung (mit )
in der Raumzeit durch die Gerade
mit
parametrisieren. Der Vierervektor heißt Vierergeschwindigkeit
und der Kurvenparameter heißt Eigenzeit der Bewegung.
Bei einer Poincarétransformation
wird aus dieser Gerade die neue Gerade
Dabei ist die Vierergeschwindigkeit der neuen geradlinig-gleichförmigen Bewegung.
Sie erfüllt ebenfalls die Normierung
Wir haben damit einen Vierervektor gefunden, der ein
einfaches Transformationsverhalten und eine einfache Normierung besitzt und der
über
eindeutig mit der
Geschwindigkeit zusammenhängt
Bleibt noch zu klären, wie wir die Vierergeschwindigkeit
konkret durch die Geschwindigkeit
ausdrücken können.
Wir hatten
Diese Beziehung können wir nach freistellen:
und in
einsetzen:
also
und somit
Wir hatten bereits
gefordert, damit die Zeit mit fortlaufendem Parameter
zunimmt. Entsprechend muss hier
sein, so dass wir die Wurzel eindeutig ziehen können
( ist ja das nach der Normierung
umbenannte ). Nach der obigen Formel ist sowieso
ausgeschlossen, denn wir hatten uns ja auf beschränkt.
Der Term auf der rechten Seite kommt uns von den Boosts her bereits recht
bekannt vor. Es ist daher üblich, auch an dieser Stelle die Abkürzung
zu verwenden, auch wenn hier nicht unbedingt
die Boostgeschwindigkeit steht. Damit ist
Wir können diese Formel für nun in die
Formel
einsetzen mit dem Ergebnis
Zusammengefasst lautet der Zusammenhang
zwischen der Vierergeschwindigkeit und
der räumlichen Geschwindigkeit also
Dieser Zusammenhang ist eindeutig, d.h. zu jeder Geschwindigkeit
lässt sich eindeutig genau eine Vierergeschwindigkeit
mit und angeben und umgekehrt.
Zeit und Eigenzeit
Nun zu unserem Kurvenparameter, also der Eigenzeit .
Wie sieht der Zusammenhang mit der Zeit aus?
Schauen wir uns dazu noch einmal die Geradengleichung in der Raumzeit an:
Die Zeitkomponente dieser Gleichung lautet
Mit und folgt:
Leiten wir hier die Zeit nach der Eigenzeit ab, so folgt
Die Zeit verstreicht also umso schneller mit wachsender Eigenzeit ,
je schneller das Objekt und damit sein ist.
Im Ruhesystem des Körpers ist die Geschwindigkeit gleich Null und somit .
Anders gesagt:
Fliegt man mit dem Körper mit, so ist (bis auf Verschiebungen des Zeitnullpunkts)
die Eigenzeit identisch mit der im Bezugssystem
ablaufenden Zeit.
Wir werden weiter unten noch einmal auf die physikalische Bedeutung dieser Gleichung
zurückkommen.
Krummlinige Bewegungen in der Raumzeit
Bisher haben wir nur geradlinig-gleichförmige Bewegungen betrachtet.
Versuchen wir nun,
die Definition von Vierergeschwindigkeit und Eigenzeit auf
eine allgemeine (nicht unbedingt geradlinig-gleichförmige)
Bewegung zu verallgemeinern.
Eine solche Bewegung wollen wir durch eine
Funktion
in der Raumzeit darstellen, also durch eine
Kurve in der vierdimensionalen Raumzeit mit dem Kurvenparameter
(wir unterscheiden hier nicht extra zwischen der Funktion und ihrem Funktionswert).
Damit das Teilchen nicht rückwärts in der Zeit oder mit Überlichtgeschwindigkeit
fliegt, muss gewisse Bedingungen erfüllen.
Diese Bedingungen können wir aus dem, was wir über geradlinig-gleichförmige Bewegungen
bereits wissen, ableiten. Wir können nämlich in der Nähe eines
beliebigen Parameterwertes die Bewegung durch eine geradlinig-gleichförmige
Bewegung annähern:
Die Näherung wird umso besser, je näher an liegt.
An jedem Punkt der Kurve kann man eine Tangente (also eine Gerade)
anlegen, so dass die Kurve in der Nähe dieses Punktes nur wenig von der
Tangente abweicht. Die Übereinstimmung ist umso schlechter, je weiter man sich
auf der Kurve von diesem Punkt entfernt.
Dann muss man ggf. dort eine neue Tangente anlegen.
Wir hatten bisher eine geradlinig-gleichförmige Bewegung durch die Gerade
dargestellt.
Vergleichen wir diese Gerade mit der obigen Formel, so
sehen wir, dass die Rolle des Vektors übernimmt.
Das gilt für jede Stelle , sodass an jeder Stelle der Raumzeit-Kurve
der dortige Tangenten-Vierervektor die Rolle von
der dort tangential angelegten Gerade übernimmt.
Die entsprechende räumliche Geschwindigkeit ist also gegeben durch
In Worten:
Die vier Komponenten der Funktion werden an der Stelle abgeleitet.
Jede der drei Geschwindigkeitskomponenten ist dann gegeben durch die entsprechende
räumliche Komponente dieser Ableitung, dividiert durch die zeitliche (nullte) Komponente
dieser Ableitung, multipliziert mit der Lichtgeschwindigkeit .
Die Bedingungen, die für gelten, müssen wir auch für
fordern. Für ein Teilchen, dass sich mit bewegt, muss also gelten:
Die Funktion ist allerdings durch die Form der Kurve in Raum und Zeit nicht
eindeutig festgelegt. Es gibt verschiedene Funktionen, die die gleiche
Raum-Zeit-Kurve ergeben und damit den gleichen Zusammenhang zwischen Raumpunkten
und Zeitangaben herstellen.
Genau das haben wir auch bei der geradlinig-gleichförmigen
Bewegung bereits beobachtet: in der Gleichung führen verschiedene
Vektoren zur gleichen Raum-Zeit-Geraden. Man sagt, es gibt verschiedene
Parametrisierungen für die gleiche Kurve, denn man kann
dieselbe Kurve mit wachsendem mal schneller und mal weniger schnell durchlaufen.
Man nennt so etwas eine Umparametrisierung der Kurve.
Wir können nun eine ganz bestimmte Parametrisierung für die Kurve
wählen. Wir wollen die Funktion gerade so wählen, dass
ist.
Den dadurch genauer festgelegten Parameter
wollen wir dann analog zu oben mit dem Buchstaben bezeichnen.
Wir nennen ihn wieder die Eigenzeit der Bewegung.
Analog bezeichnen wir
als die Vierergeschwindigkeit der Bewegung, denn es ist ja
(so sollte die Funktion ja gerade beschaffen sein).
Die Vierergeschwindigkeit
und die Geschwindigkeit hängen wieder wie oben bereits angegeben zusammen.
Die Eigenzeit als Raumzeit-Bogenlänge
Betrachten wir noch einmal die Eigenzeit
etwas genauer.
Man findet in der physikalischen Literatur häufig die Formel
als Definition für die Eigenzeit.
Was ist damit gemeint?
Zunächst einmal wird hier die Einsteinsche Summenkonvention verwendet,
d.h. .
Was aber ist ?
Gemeint ist ein Vierer-Linienelement entlang der Kurve, also
(dabei haben wir zunächst noch keinerlei Einschränkungen
an die Parametrisierung von gemacht). Damit hätten wir
Wir wollen die Voraussetzung machen, d.h. die verschiedenen
Parametrisierungen sollen alle die Kurve in der gleichen Richtung durchlaufen.
Wir können dann die Wurzel ziehen und formal durch teilen. Das Ergebnis lautet
Genau das ist mit der Formel
gemeint!
Die obige Formel ist im Grunde eine Selbstverständlichkeit.
Es steckt lediglich die Kettenregel für das Differenzieren dahinter
sowie die Festlegung der Parametrisierung mit
durch die Bedingung,
dass die Metrik für die Tangentialvektoren gleich sein soll.
Was aber sagt uns die Formel?
Zunächst einmal stellt sie den Zusammenhang her zwischen einer beliebigen
Parametrisierung (mit dem Parameter ) und der speziellen Parametrisierung
durch den Parameter .
Man kann eine beliebige Parametrisierung vorgeben und mit Hilfe der
obigen Gleichung ausrechnen, wie der Parameter mit dem Parameter
zusammenhängt. In diesem Sinne definiert die obige Gleichung die
spezielle Parametrisierung der Kurve durch .
Wenn wir die beliebige Parametrisierung
gleich unserer speziellen Parametrisierung wählen (also setzen,
sodass ist),
so liefert die Formel nach Quadrieren die Gleichung
Das kennen wir bereits! Es war die Bedingung
an die spezielle Parametrisierung mit und somit gleichzeitig die Definition
für die Eigenzeit.
Ziehen wir in unserer obigen Formel die Wurzel
(das geht, denn ist für Teilchen, die sich maximal
mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, immer größer oder gleich Null):
Diese Formel definiert im Grunde ein relativistisch invariantes infinitesimales Raumzeit-Bogenlängen-Element.
Integriert man es entlang einer Raumzeit-Kurve auf, so ergibt sich
die relativistisch invariante Raumzeit-Bogenlänge der Kurve.
Die Formel ist ganz ähnlich wie bei dem bekannten räumlichen Bogenlängen-Element
, nur dass sie sich auf unsere
Raumzeit-Metrik bezieht:
Wegen dem Minuszeichen ist die Bedeutung von etwas subtiler:
Es ist die infinitesimate Eigenzeit , die das Objekt selbst auf einem infinitesimalen
Wegstück entlang seiner Raumzeit-Bahn spürt, mal der Lichtgeschwindigkeit .
Im jeweiligen momentanen Ruhesystem des Objekts ist nämlich
(denn das Objekt ruht ja im Ruhesystem) und wir erhalten
, d.h. .
Integriert man das entlang der Raumzeit-Bahnkurve auf, so erhält man
die Eigenzeit, die für das Objekt vergeht
(sie wird also auf einer Uhr angezeigt, die das Objekt mit sich führt).
Eigenzeit und Zeitdilatation
Man kann die obige Gleichung auch verwenden, um den Zusammenhang zwischen der
Eigenzeit
und der Zeit in Abhängigkeit von der Geschwindigkeit abzuleiten.
Dazu wählen wir die spezielle Parametrisierung , sodass
und somit
gilt. Damit haben wir
also
Diese Gleichung (genauer den Kehrwert dieser Gleichung) hatten wir oben bereits
für die geradlinig-gleichförmige Bewegung abgeleitet.
Kann man die Eigenzeit physikalisch interpretieren? Hat sie eine unmittelbare physikalische
Bedeutung?
Wir hatten diese Frage oben bereits beantwortet und wollen sie noch einmal
unter einem anderen Blickwinkel betrachten.
Gehen wir dazu von einem ruhenden Objekt am Ort aus.
Am Ort dieses Objekt soll zur Zeit
ein Ereignis geschehen. Zu einer späteren Zeit soll dort ein weiteres
Ereignis geschehen. Das Objekt könnte z.B. eine Uhr sein, die zur Zeit
einmal tickt und zur Zeit
ein zweites Mal tickt. Das Ticken der Uhr
sind dann die beiden Ereignisse.
Wir können diese beiden Ereignisse durch zwei Vierervektoren
und
in der vierdimensionalen Raumzeit darstellen.
Der zeitliche Abstand zwischen den beiden Ereignissen
ist .
Nun lassen wir einen Boost auf Raum und Zeit wirken, d.h. wir versetzen die Uhr in gleichförmige Bewegung
mit der Boostgeschwindigkeit
und vergleichen sie mit einer gleichartigen unbewegten Uhr.
Die Boostgeschwindigkeit haben wir diesmal mit einem großen Buchstaben
bezeichnet, um sie nicht mit der Vierergeschwindigkeit zu verwechseln.
Die beiden Ereignisvektoren und
werden durch den Boost abgebildet
auf den Vektor und den Vektor .
Diese beiden neuen Vektoren geben Zeit und Ort des ersten und des zweiten Tickens
der bewegten Uhr an.
Rechnen wir sie aus:
Für das erste Ticken ist die Sache einfach: es ist .
Genau so haben wir die Situation auch konstruiert:
Die bewegte und die unbewegte Uhr treffen sich zur Zeit Null im Nullpunkt des Koordinatensystems
und geben dort synchron ihr erstes Ticken von sich.
Beim zweiten Ticken wird die Sache schon interessanter:
Beim zweiten Ticken befindet sich die bewegte Uhr demnach am Ort
,
und die Zeit, zu der das zweite Ticken stattfindet, ist
.
Zwischen dem ersten Ticken und dem zweiten Ticken liegt bei der bewegten Uhr also
eine größere Zeitspanne als vorher bei derselben unbewegten Uhr.
Die Zeitspanne hat sich um den Lorentzfaktor verlängert!
Das ist die berühmte Zeitdilatation der speziellen Relativitätstheorie!
Die Lage des Punktes des zweiten Tickens der Uhr
ist in dieser Grafik für Werte von der Boostgeschwindigkeit
von 0 bis 0,9 in Schritten von 0,1 dargestellt. Man sieht, wie der Zeitabstand
immer mehr anwächst, d.h. das zweite Ticken der bewegten Uhr verzögert
sich umso weiter, je mehr sich ihre Geschwindigkeit der Lichtgeschwindigkeit
(also ) annähert.
Wenn wir akzeptieren, dass die Poincarétransformationen Symmetrien der Natur sind,
so sagen wir damit, dass das Verhalten einer tickenden Uhr, die ruht, und derselben Uhr, die sich bewegt,
durch Poincarétransformationen auseinander hervorgehen. Eine sich bewegende Uhr tickt langsamer
als eine ruhende Uhr! Die Experimente haben diese Vorhersage tatsächlich bestätigt: die
Natur verhält sich wirklich so! So lebt beispielsweise ein instabiles Elementarteilchen in Durchschnitt umso
länger, je schneller es sich bewegt.
Was hat das nun mit der Eigenzeit zu tun?
Betrachten wir die sich bewegende Uhr. Ihren Flug können wir durch die
Bahnkurve
darstellen. Dabei ist die Vierergeschwindigkeit,
d.h. sie ist auf normiert, und die Eigenzeit.
Setzen wir die weiter oben hergeleiteten Formel für ein, so können wir die Bahnkurve
auch schreiben als
Nun sehen wir den Zusammenhang zur Zeitdilatation:
Zur Eigenzeit befindet sich die Uhr im Raumzeitpunkt . Hier erfolgt das erste Ticken.
Zur Eigenzeit haben wir die Zeit
und die Uhr befindet sich am Ort
.
Zu dieser Zeit und an diesem Ort findet das zweite Ticken statt,
wie wir aus der obigen Diskussion der Zeitdilatation wissen.
Zwischen dem ersten und dem zweiten Ticken der bewegten Uhr vergeht also die
Eigenzeit . Das ist genau die Zeitspanne, die bei der unbewegten Uhr
zwischen den beiden Ereignissen vergeht. Anders interpretiert: diese Zeit vergeht,
wenn man mit der Uhr mitfliegt und somit die Uhr als unbewegt ansieht (dies ist die
sogenannte passive Interpretation der Poincarétransformation).
Die Eigenzeit ist gleichsam die Zeit, die die Uhr bzw. das sich bewegende Objekt
empfindet. Das erklärt auch den Begriff Eigenzeit.
Eine Veranschaulichung für die Zeitdilatation
Bei dem Physiker Ahmed Almheiri habe ich auf Twitter eine sehr schöne Erklärung für die
Zeitdilatation gefunden. Sie geht so
Since we are all moving through space and time at the same, constant total speed,
those who choose to move faster in space end up moving slower in time.
Übersetzt bedeutet das ungefähr:
Da wir alle mit der gleichen, konstanten Gesamtgeschwindigkeit durch Raum und Zeit reisen,
bewegen sich diejenigen, die sich im Raum schneller bewegen wollen, in der Zeit langsamer.
Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, war ich verblüfft.
Ist es wirklich so einfach? Aber was bedeutet das konkret?
Lässt sich das in unseren Formeln wiederfinden?
Tatsächlich haben wir aus der Normierung der Vierergeschwindigkeit
oben bereits die folgende Formel hergeleitet (siehe auch unten):
Quadrieren und etwas umstellen ergibt
Je schneller wir also durch den Raum reisen (d.h. je größer ist),
umso langsamer schreitet die Eigenzeit mit wachsender Zeit voran
(d.h. umso kleiner ist ).
Ich denke, diese Formel ist mit der Aussage von Ahmed Almheiri gemeint.
Rechts steht dabei in der Formel die quadrierte Lichtgeschwindigkeit .
Sie hat ihre Ursache in der Normierung der Vierergeschwindigkeit
durch , die letztlich zu der obigen Formel führt.
Das ist wohl mit dem Satz gemeint, dass
wir alle mit der gleichen, konstanten Gesamtgeschwindigkeit durch Raum und Zeit reisen.
Allerdings ist nicht die euklidische Länge
des Vektors , sondern seine Raumzeit-Metrik
. Das Minuszeichen macht hier den Unterschied!
Die Gesamtgeschwindigkeit durch Raum und Zeit ist also ein durchaus subtiler Begriff.
Hier nochmal die Herleitung der obigen Formel aus
und
mit
und :
also
Das ist unsere obige Formel. Wie wir sehen, haben wir dabei den Term
auf die andere Seite befördert, sodass aus dem Minuszeichen (das von der Raumzeit-Metrik kommt)
ein Pluszeichen wird (sodass es jetzt euklidisch aussieht).